My Life at Li Po Chun United World College of Hong Kong 2011-2013

Montagmorgen standen wir halb acht auf. Für unser Frühstück mussten wir nur die Straße überqueren: gegenüber von unserem Hotel verkaufte ein junger Chinese an einem improvisierten Straßenstand mit Fleisch und Gemüse gefüllte Dampfbrötchen und in Öl gebratene “Knusperteigstangen”. Er lächelte uns breit an, als wir uns langsam seinem Stand näherten und mit einem Lachen nahm er dann auch unsere Bestellungen entgegen, die wir ihm in gebrochenem Chinesisch darboten. Die Teigstangen schmeckten ziemlich gut, waren aber so ölig, dass man aufpassen musste, sich das nicht an die Jacke zu schmieren. Zur Schule fuhren wir  für nur einen Yuan (etwa 10 Cent) mit dem Bus – für diesen Betrag kommt man in Beijing mit dem Bus fast überall hin, egal ob das Ziel nur eine Haltestelle oder zwanzig entfernt liegt! Es war eisig kalt und die Straße war unglaublich dreckig. Überall lag Müll herum, Mülleimer gab es offensichtlich keine. Wenn überhaupt, dann wurde der der Abfall in kleinen rostigen Wassereimern gesammelt, die an jeder Hausecke standen – unbenutzt, denn offensichtlich war die Straße allen bequemer.

ImageDer Schulcampus war etwa so groß, wie ein Fußballfeld. Wohnhäuser, Bibliothek und Klassenzimmern waren in kasernen-ählichen Häusern untergebracht worden. Alle Türen hatten ein Vorhängeschloss, fließendes warmes Wasser gab es wohl nicht, dafür aber einen riesigen Kohlenberg vor dem Schulgebäude. Ein Mann schaufelt dort den ganzen Tag lang Kohle in den alten Ofen. Über tausend Kinder lernten hier, knapp die Hälfte davon lebte im Internat. Mit sieben Mitschülern zusammen im Zimmer zu leben, muss um einiges anstrengender sein, als nur mit vier – und auch hier kommen die Kinder aus allen möglichen Regionen Chinas. Die Disziplin, die in der Schule herrschte, war unglaublich. Die Betten waren alle gemacht: die Matratzenbezüge glatt gestrichen, die Bettdecken sorgfältig am Fußende zusammengelegt; die Badelatschen standen genau in der Mitte unter dem Bett nebeneinander. Zahnbürste, Handtuch und Waschzeug lagen in Schüsseln – im Regal perfekt aneinander angereiht. Tische und Stühle gab es keine, die Kinder lebten praktisch in ihren Klassenzimmern. Die Gebäude selbst waren mit Blumen und Regenbögen bunt angemalt worden; auf einer Wand vor dem Lehrerzimmer hatten die Schüler eine komplette Zusammenfassung chinesischer Geschichte zusammengetragen und aufgeschrieben. Kurz vor dem Unterrichtsbeginn wurden die Kinder zum Appell gerufen. Sie standen stocksteif in der bitteren Kälte, die Hände zu Fäusten geballt. Ihre dünnen Trainingsjacken und die Mäntel der Mädchen konnten unmöglich vor  5°C schützen, noch dazu trug keiner von ihnen Mütze, Handschuhe oder Schal. Wir warten gespannt mit ihnen auf irgendeine Rede, während dutzende Pappkartons hereingetragen wurden: offensichtlich eine Milchspende von einer Molkerei – die hatte zu viel Milch produziert und konnte sich nun in der Zeitung als gutmütig beweisen, indem sie die überschüssige Milch an die Schule spendete. Die Kinder bedankten sich im Chor  und tausende Fotos wurden von Sponsoren und Kindern geschossen: dieser Moment musste natürlich festgehalten werden, damit er später, mit einer schönen Bildunterschrift in den Schaufenstern auf dem Schulgelände ausgestellt werden konnte – zusammen mit Bildern des ersten Abschlussjahrgangs und einem Ranking der besten Schüler und Schülerinnen. Image

Wir sollten Sport, Kunst und Englisch unterrichten und von Anfang an waren die Kinder unglaublich motiviert, Neues zu lernen. Alles, was wir sagten, wiederholten sie im Chor. Auch das Kinderlied “If you’re happy and you know it” sangen wir wieder und wieder und wieder. Am Ende war ich ganz heiser – da ich diejenige war, die sich an die Melodie des Liedes  aus ihrer Kindheit noch am besten erinnerte und sie auch am besten singen konnte, sollte ich das Lied den Kindern beibringen – und die hörten eben gar nicht mehr auf ;) Wir malten mit den Kindern auch Stammbäume für ihre Familien – dabei mussten wir allerdings aufpassen, weil manche Kinder Halbwaisen waren oder beide Elternteile verloren hatten. ImageIch glaube, diese Kunststunde hat ihnen am meisten Spaß gemacht – sie haben die ganze Zeit gelacht, besonders, als ich versuchte, die Namen ihrer Eltern und Geschwister auszusprechen. Bei den Namen meiner Familie hatten sie dann aber auch Probleme, und so konnten wir uns gegenseitig über unsere Aussprache amüsierten ;) In der Pause zeigte ich meiner Gruppe auf der Weltkarte Deutschland. Viele “Oh”s und “Ah”s kamen mir da zu Ohren, und ein Mädchen mit Pferdeschwanz meinte bewundernd “so far!” Später spielten wir mit ihnen dieses Spiel, bei dem man ein Blatt Papier in vier Teile faltet und jeder auf unterschiedlichen Blättern einen Kopf, den Rumpf, die Beine und Schuhe malt, und man am Ende schaut, was dabei herausgekommen ist. Davon waren die Kinder total begeistert und sie versuchten, so schöne Beine und Augen und Pullover, wie nur möglich, zu malen. Besonders beim Kopf brauchten sie besonders lang, weil sich alle solch große Mühe gaben. Um den Kindern mit diesem Spiel auch Englisch beizubringen, gingen wir mit ihnen anhand der gemalten Menschen die Körperteile durch und sangen dann auch gleich “Head, Shoulders, Knees and Toes”. Das Lied kannten die Kinder schon ein bisschen und mit Freude sprangen sie auf und sangen mit! Wir konnten es ihnen viel schneller beibringen, als “If you’re happy and you know it” – aber es hatte ja auch weniger Vokabeln ;) Image

Zum Mittagessen brachten uns die Kinder in einen großen Raum. Sie trugen uns Platikkörbe mit Geschirr und große Metalltöpfe mit Reis, Suppe und Salat hinterher und weigerten sich, selbst zu essen, bevor wir oder die Lehrer angefangen hatten. Auch das zeugte wieder von der großen Disziplin, die man den Kindern hier beigebracht hatte und dem Respekt, die sie vor den Lehrern und Besuchern hatten. Später ging es mit dem Unterricht weiter. Wir malten mit den Kindern Frauentagskarten für den 8. März und erklärten ihnen, was dieser Tag bedeutete: “Wenn ihr eine Frau besonders gern habt, zum Beispiel eure Mutter, eure Lehrerin, die Bibliothekarin oder Verkäuferin im Supermarkt, dann könnt ihr für sie eine Karte schreiben!” Die Kinder bastelten dann Karten für ihre Mutter oder Lehrerin – je nachdem konnte man erkennen, ob zu Hause nur der Vater oder doch noch die Mutter wartete … Auch in meiner Arbeitsgruppe gab es einen Halbwaisen, der aber keine Miene verzog und mit Freude für seine Englischlehrerin eine Karte bastelte. Ich hatte den Kindern gezeigt, wie man eine Herzkarte basteln konnte – das wandte dieser Junge nun nicht an, sondern schnitt eine Wolke aus und schrieb “Dear Teacher! I love you. You are good.” Die Lehrerin war sichtlich gerührt und umarmte den Kleinen.

ImageZum Schluss brachten wir ihnen kurz vor dem Abendbrot noch den “French Banana Dance” bei – diesen Tanz, der zuerst in einem Café aufgeführt wurde und inzwischen so ziemlich zur LPC-Kultur gehört. Ich muss sagen, es hat schon etwas, zusammen mit jemandem aus Frankreich und aus Tunesien vor gut zweihundert strammstehenden Schülern aus Beijing zu stehen und ihnen einen Tanz beizubringen ;) Die Kinder lernten die Schritte und Bewegung wahnsinnig schnell und nachdem sie alles perfekt beherrschten, wollten sie gar nicht mehr aufhören. “Again, again!” riefen sie uns zu und als wir die Musik schließlich doch aus machten, hatten wir die gesamte Choreografie gut acht Mal mit den Kindern getanzt! Als wir am späten Abend wieder ins Hotel zurück kamen, waren wir alle ziemlich erschöpft – es ist durchaus recht anstrengend, den ganzen Tag eine Gruppe Kinder zu unterrichten, deren Energie offensichtlich nie verebbt und die praktisch fortwährend herumhüpfen und herumschreien … außer, wenn sie gerade zum Appell antreten müssen ;)

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