My Life at Li Po Chun United World College of Hong Kong 2011-2013


Seit August letzten Jahres ist er unser Schulleiter am Li Po Chun United World College.  Er kam also nur zwei Wochen vor meiner Ankunft als neuer Direktor nach LPC. Nun, mehr als vier Monate später, habe ich mich mit ihm getroffen, um Bilanz zu ziehen – und konnte erstaunlich viel über sein bisheriges Leben, seine Kindheit und seine Träume für UWC erfahren.

Aufgewachsen ist er in einem kleinen Dorf im Süden Englands, in einer sehr ländlichen Gegend. Seinen Eltern gehörte der einzige Laden im Dorf, der auch gleichzeitig die Poststelle war. „Mein Leben spielte sich immer zwischen dem Laden und dem Bungalow meiner Eltern ab,“ erzählte mir Arnett. „Ich unterhielt mich mit den Kunden, spielte zwischen den Regalen … Ferien mit der ganzen Familie gab es nie, schließlich musste immer irgendjemand im Laden bleiben und verkaufen. Am Anfang hat mich das nicht großartig gestört, da habe ich eben im Garten gespielt. Später wurde das anders. Da meine Mutter Auto fahren konnte, fuhren wir dann jeden Mittwochnachmittag aus. Wir besuchten Museen, Ausstellungen, den Strand und die umliegenden Schlösser. Und manchmal gab es einfach nur ein Picknick.“

Die Schule hat er geliebt, obwohl er nur ein fleißiger, jedoch kein besonders guter Schüler war. „Ich war sehr, sehr leise und schüchtern. Alte Bekannte überrascht es immer noch, mich heute in dieser Position zu sehen,“ erklärt Arnett und lacht. Tatsächlich scheint er, wie er so in dem beigefarbenem Sessel sitzt, ganz und gar nicht schüchtern: helles Hemd, graue, enge Anzugshose; die Schuhe sind blank poliert. Er hat es sich im Sessel bequem gemacht, liegt lässig an der rechten Armlehne. Er gestikuliert viel und spricht sozusagen in Einzelvorträgen – eine einzige Frage verleitet ihn schnell zu einer viertelstündigen Rede. Manchmal muss ich ihn bremsen, besonders, wenn er von seinen Vorbildern und Inspirationsquellen erzählt: „Es gab in der Tat einen Lehrer, der mich besonders inspiriert hat, damals, als ich selbst noch zur Schule ging. Das war ein gewisser Mr Taylor, mein Geschichtslehrer. Wir behandelten damals weniger die Politik, es ging mehr um Wirtschaft, die Gesellschaft … die industrielle Revolution z.B., das hat mich interessiert. Ich habe Geschichte wirklich gemocht und Mr Taylor fand ich unglaublich inspirierend, auch in der Art, wie er unterrichtete. Er war immer sehr sehr strukturiert, was mir wirklich gepasst hat. Ich habe mich nie gemeldet, dafür war ich viel zu schüchtern, aber wenn ich mal etwas sagen musste … Schmetterlinge, überall in meinem Bauch!“

Auch heute noch versucht er, sich an Mr Taylor ein Beispiel zu nehmen und ich kann nur bestätigen, dass sein Unterricht Struktur pur ist. Wir wissen immer, was wir schon behandelt haben, was als nächstes dran kommt, wo im Stoff wir uns gerade befinden. Das ist auch so gewollt, bekräftigt Arnett: „Ich versuche auch immer, meine Kollegen dazu zu ermuntern, mehr Struktur in ihren Unterricht zu bringen. Ich glaube, das ist auch für die Schüler sehr wichtig.“

Mit dreizehn Jahren dachte er zuerst daran, nach der Schule beschloss Arnett dann endgültig, Lehrer zu werden: Zum einen durch eben jenen Mr. Tylor inspiriert, zum anderen von seinen Eltern und seiner selbst lehrenden Tante dazu gedrängt – Lehrer, besonders für Mathe, werden immer gesucht, wurde ihm gesagt. Obwohl er noch nie gut in Mathe gewesen war, wurde Arnett also Lehrer für Geschichte und Mathematik. Nach abgeschlossenem Studium begann er, Arbeit zu suchen. „Ich hatte acht Bewerbungsgespräche an Schulen und wurde überall abgelehnt,“ erinnert sich mein heutiger Schulleiter. „Die häufigste Erklärung, die ich zu hören bekam, war: Sie sind zu klein und zu jung, Sie haben nicht genug Autorität. Das war schon deprimierend.“ Und es hat ihn wohl an seine Kindheit erinnert – damals, als er auch schon klein und schüchtern war: „Ich muss wohl zugeben, ich wurde ziemlich gemobbt,“ seufzt Arnett; so, als würde er sich nur ungern daran erinnern wollen. „Ich weiß nicht mehr viel, es wurde mir mehr von Freunden dann später erzählt… aber ja, ich hatte, als ich klein war, schon immer ein bisschen Probleme damit, den Anschluss zu finden.“

Das spiegelte sich nun auch in der Arbeitssuche wieder. Als Arnett jedoch eines Tages nach Hause kam, wartete seine Mutter schon auf ihn: jemand habe angerufen, es ging um ein Bewerbungsgespräch für einen Job als Lehrer. Seltsamerweise hatte Arnett sich an der Schule nie beworben, und man wollte ihn sich auch als Wirtschaftslehrer vorstellen lassen. „Ich dachte, das ist doch Quatsch, ich bin für Geschichte und Mathe zuständig, aber meine Mutter wollte, dass ich hingehe. Ich habe mich also am nächsten Tag diesem Gespräch unterzogen und ich weiß noch, dass ich mich sehr ungemütlich gefühlt hab. Ich saß in diesem großen schwarzen Sessel vor dem Chef und er hat mir Fragen gestellt und irgendwann rief er plötzlich richtig laut: Du nuschelst! Naja, wie auch immer, ich hab am nächsten Tag das Jobangebot bekommen.“

Zuerst war das eine schwierige Zeit. Arnett kaufte sich ein großes, dickes Wirtschaftslehrbuch, wohl in dem Wissen, dass er eine gigantische Menge an Lehrstoff aufzuarbeiten hatte – und natürlich wussten die Oberstufenschüler, die er unterrichtete, mehr über Wirtschaft als er. „Es ging so weit, dass ich eines Nachmittags im Garten saß und wirklich gesagt habe: ich kann das nicht mehr, das ist zu viel für mich.“ Aber natürlich hat er weitergemacht und meint heute, dass es die beste Entscheidung war, sich gegen Geschichte und für Wirtschaft zu entscheiden.

Seinen ersten Kontakt mit UWC hatte Arnett während er an seiner dritten Schule unterrichtete. Man wollte die Schule damals ausbauen und sich an dem damals noch sehr unbekannten und „merkwürdigen“ International Baccalaureate, dem IB, versuchen. Um sich Inspiration zu besorgen, besuchte Arnett zusammen mit anderen Lehrern das UWC in Wales, sah sich um, und unterhielt sich mit ein paar Leuten. „Woran ich mich immer noch besonders gut erinnern kann, das war die Sache mit den Rettungsbooten. Dass die Schüler einen so bedeutungsvollen Service betreiben, hat mich beeindruckt.“ Arnett blieb für neun weitere Jahre an der neu ausgebauten Schule, dann sehnte er sich nach mehr. „Ich hatte mich so ein bisschen festgesetzt, das passiert ja manchmal im Leben. Ich bewarb mich an neuen Schulen, suchte neue Erlebnisse, wollte einfach raus aus dem Alltagstrott.“ Dann kam ein Jobangebot aus Hongkong. „Ich war sofort dabei.“

Auch an der Internationalen Schule in Hongkong, an der Arnett dann arbeitete, dachte man darüber nach, das IB einzuführen. „Die Leute wussten ja, dass ich das schon mal gemacht hatte und am Ende wurde ich gebeten, vier Internationale Schulen aus Hongkong komplett für das IB umzustrukturieren. Das war eine große Herausforderung.“ Wieder holte man sich Rat und Inspiration an den United World Colleges, diesmal in Hongkong und Singapur. Einige Zeit später las er dann im Internet von der Suche nach einem neuen Schulleiter für LPC. „Irgendwie ist UWC doch der Höhepunkt von Internationalen Schulen. Es gibt keine Internationale Schule auf der ganzen Welt, die internationaler ist als UWC. Das hat mich sehr aufgeregt und fasziniert. Außerdem hatte ich immer schon den Wunsch, mal selber etwas zu leiten. Dazu kam die wunderbare Atmosphäre an LPC: ich meine, jetzt habe ich täglich geniale Unterhaltungen mit tollen Leuten aus so vielen unterschiedlichen Ländern, mit so verschiedenen Hintergründen.“

Arnett erzählte mir, dass auch die Lehrer natürlich ein Auswahlverfahren durchlaufen müssen. „Hier suchte man aber eben nach einem Schulleiter und mein großer Nachteil war, dass ich noch nie einer gewesen war. Ich musste also davon ablenken. Ich fokussierte mich also sehr auf die UWC-Werte und inwiefern ich mit ihnen in Einklang lebe. Ich glaube, das war ein großer Faktor in der Auswahl.“ Ich frage ihn, ob er denn die UWC-Werte schon vor seiner Arbeit in LPC so gut verinnerlicht hatte. „Ich glaube, dass ich nicht wirklich wusste, was diese Werte bedeuteten, bevor ich hierher kam. Aber sobald ich mich bewarb und in das ganze Konzept von UWC einarbeiten musste, erkannte ich, wie viel von meinem eigenen Leben sich darin eigentlich widerspiegelte. Sachen wie zum Beispiel das internationale Verständnis: ich habe Reisen schon immer geliebt. Ich blieb nicht nur in Hotels, sondern reiste auch einfach so. Damit lernt man Kulturen und Menschen viel besser kennen lernen.“

Heute ist er in LPC Schulleiter und TOK-Lehrer.  Bis heute erlebt auch er jeden Tag etwas Neues. Manches ist für ihn besonders einprägsam: „Ich erinnere mich an meinen ersten Sonntag auf dem Campus. Dieser Schüler kam zu mir und wir unterhielten uns ein bisschen. Ich sprach ihn auf die schwere Zeit in seinem Land an, aber er erwiderte nur: “Sehen Sie’s mal so: ich habe jetzt Einschusslöcher im Wohnzimmer.” Das war mein Schlüsselerlebnis, das mich endgültig überzeugt hat: das hier ist etwas ganz anderes. Hier prallen sehr, sehr unterschiedliche Erfahrungen, Blickwinkel und Ansichten aufeinander – aber ich habe gelernt, damit umzugehen.  Auch, als wir oben auf dem Peak waren, am Anfang des Schuljahres: ich werde die Reaktion dieses Schülers aus Afrika niemals vergessen. Er war absolut sprachlos, einfach hin und weg. Nicht nur die Schüler lernen von uns: auch wir können so viel von den Schülern lernen und bekommen so viel zurück.“

Ich frage Arnett, ob er einen Unterschied zwischen seinem Leben als Schulleiter und Lehrer sieht – für uns Schüler verschmilzt Privat- und Schulleben in LPC ja. „ Ich finde, dass mir der Schulleiterjob von allen Berufen bisher am meisten Spaß macht. Wahrscheinlich auch, weil ich meine eigenen Entscheidungen treffen kann und nicht darüber nachdenken muss, was mein Boss von meinen Ideen hält. Und es macht mir auch unglaublich viel Spaß, mit Schülern in der Kantine zu sitzen und zu reden. Aber ich trenne Persönliches und Berufliches. Ich glaube, das habe ich schon damals in meiner Kindheit gelernt: wenn ich den Bungalow verließ, stand ich im Laden meiner Eltern. Es gab immer diese eine Türschwelle, die es zu überschreiten galt. Aber ich habe es immer als Barriere gesehn. Und auch heute ist es noch so: ich habe viele Freunde in Hongkong, die nichts mit dem Schulwesen am Hut haben. Ich kann mich sehr einfach aus dem Alltag von UWC herausschleichen, wenn ich will. Aber ich komme auch immer gerne wieder zurück.“

„Mein Leben hat hier viele Aspekte. Zum einen leite ich die ganze Schule und bin für alles verantwortlich. Aber dann realisiere ich, dass ich mehr bin als ein normaler Schulleiter. Manchmal fühle ich mich, wie der Bürgermeister von einem kleinen französischen Dorf – man achtet nicht nur auf das Dorf an sich, sondern auf die Menschen, die darin wohnen. Außerdem macht UWC gesund. Die kranke Mutter einer Lehrerin hat uns neulich eine Weile besucht. Und sie ist gesund geworden, mit jedem Tag ging es ihr besser. Sie hat es geliebt, einfach nur im Schulhof zu sitzen und allen zu zu sehen. Am Ende ging es ihr richtig gut.“ Am Ende nennt Arnett den UWC-Klassiker: Gemeinschaft. „Es ist einfach unglaublich, ein Teil dieser UWC-Bewegung zu sein. Wenn ich meinen ehemaligen Schulleitern von LPC erzähle, staunen sie alle jedes Mal, wie viel Unterstützung ich hier bekomme. Ich habe regen Kontakt zu Lehrern, Schüler und Alumni. UWC ist ein gigantisches und einfach unglaublich faszinierendes Netzwerk. Ich bin so glücklich, diesen einzigartigen Posten innezuhaben.“

Das ganze klingt, wie ein rundum perfektes Leben. Trotzdem will ich wissen, was Arnett gerne in LPC speziell ändern würde. Er erinnert sich an seine Zeit bei den Pfadfindern, damals in England. „Auch die Pfadfinder waren glaube ich sehr wichtig in der Beeinflussung meines Lebenslaufs: ich war der Gruppenführer und habe es geliebt, den anderen alles zu zeigen und sie durch die Gegend zu führen. Ich glaube, auch deswegen wollte ich damals Lehrer werden. Auch als Erwachsener habe ich ja später bei den Pfadfindern gearbeitet, in Ferienlagern und Sommercamps. Aber vielmehr habe ich bei den Pfadfindern einen wirklich sehr dichten Draht zur Natur bekommen. Draußen sein, das war mir immer wichtig, und ich finde, wir sollten in LPC mehr Fokus auf die Umwelt und die Natur legen. Wir haben soviel davon um uns herum, wir müssen es nur nutzen.“ Auch den Umgang mit Technik will Arnett vertiefen: zwar benutzen hier alle Schüler Computer im Unterricht, aber viele können kaum damit umgehen. Sie kommen nach Hongkong, sehen, dass sie einen Laptop brauchen, und gehen einfach drauf los, um sich den teuersten Mac zu besorgen. „Dafür brauchen wir mehr Struktur,“ erklärt Arnett.

Zum Schluss will er die UWC-Werte mehr außerhalb der United World Colleges fördern: „Wir sollten mehr Projekte etc. ins Leben rufen, die nicht schulgebunden sind. Aber ich finde, wir müssen UWC nicht von den Dächern brüllen. Wir sollten mit unserer Arbeit in LPC einfach so weitermachen, wie bisher – und die Leute werden uns sehen und hören. Und so können wir vielleicht wirklich etwas verändern. Weltweit.“

Foto: Arnett Edwards mit Schülern von LPC, Quelle: www.uwc.org
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