My Life at Li Po Chun United World College of Hong Kong 2011-2013

Die vergessenen Kinder

Wir sind im Waisenhaus angekommen. Schon am Tor hat eine ganze Gruppe Kinder auf uns gewartet; sie haben ihre Hände durch die Gitter gesteckt und sobald wir durch das Tor waren, rannten sie um uns herum und quietschten und schrien irgendwelche chinesischen Worte, die wir natürlich alle nicht verstanden. Einer der Jungs nahm mich an die Hand und redete auf mich ein. Alles, was ich heraus brachte, war “Ni Hao” (“Hallo”) und “Ni Hao Ma” (“Wie geht es dir?”) und er antwortete mit “Wo Hen Hao” und irgendetwas Gemurmeltem, von dem ich zumindest “Tje Tje” verstand – “Schwester”. Das brach das Eis.

Ausgesetzt und vergessen

In dem Kinderheim, das vor drei Jahren eröffnet wurde, leben 28 Kinder – sieben Mädchen, einundzwanzig Jungen, im Alter zwischen drei und sechzehn Jahren. Das Alter ist dabei aber nur geschätzt; die meisten Kinder wissen, wenn sie von der Polizei irgendwo aufgelesen werden, weder, wie alt sie sind, noch, wie sie heißen. Sie werden dann in eine Notunterkunft gebracht und von da aus auf verschiedene Kinderheime verteilt. Die Geschichten der Kinder sind alle unterschiedlich, und meist ist den Erziehern auch nichts Genaueres bekannt. Der kleinste und mit Abstand niedlichste Junge wurde von seinen Eltern in irgendeinem öffentlichen Verkehrsmittel zurück gelassen, andere Kinder sind von zu Hause weggelaufen oder wurden mitten auf der Straße “vergessen”. Wenn die Eltern gefunden werden, wollen sie die Kinder meist nicht zurück, oder die Kinder weigern sich, zu Hause zu bleiben und laufen weg. Die Erzieher haben Spuren von Gewalt und Missbrauch an den Kindern gefunden – Narben von Feuer und Schlägen. Aber Fragen werden nicht gestellt: die Kinder sollen vergessen. Das Heim lebt nur von Spenden.

Während wir auf den Rest der Gruppe warten (wir haben uns in zwei Gruppen aufgeteilt, weil die anderen noch Farbe etc. kaufen mussten), spielten wir mit den Kindern. Wir nahmen sie auf den Arm und ließen sie “Flugzeug fliegen”, oder wir rannten mit ihnen Huckepack herum. Wir hatten viel Spaß, dann kamen auch die anderen hinzu. Sie brachten Sandpapier, Spachteln und weiße Farbe, und natürlich eine Kiste mit Mundschützern. Wir sahen uns die Mauer an, die wir schmirgeln und weiß streichen wollten. Sie war dreckig und heruntergekommen. Die Kinder hatten mit Farbe darauf herum geschmiert; alles in allem sah es nicht sehr schön aus.

Ein neues Zuhause

Grace, die einzige Betreuerin, die Englisch sprach, führte uns in dem Kinderheim herum. Die Jungs leben getrennt von den Mädchen, die sogar außerhalb des Campus wohnen, weil “die Jungs manchmal ein bisschen durchdrehen” und die Mädchen “einen eigenen Ort zum Zurückziehen brauchen”. Sechs Kinder wohnen in einem Raum, in Doppelstockbetten schlafen sie auf dünnen Matratzen und mit riesigen Kuscheltieren. Die Toiletten sind für ein paar von uns ein kleiner Schock: praktisch ist es ein kleiner, langer und gekachelter Kanal, über dem drei Kabinen angebracht sind. Wenn man aufsteht, kann man in die Kabine neben einem hineinschauen, und wenn man spült, rauscht eine ganze Menge Wasser durch den gesamten Kanal und spült alle Kabinen gleichzeitig. Hinsetzen kann man sich freilich auch nicht. Trotzdem ist alles erstaunlich reinlich und gepflegt. Um das Heim herum steht eine hohe Mauer, die Fenster sind vergittert; bei den Mädchen sind Glasscherben in die Mauerkante gesteckt. Die Kinder sollen nicht weglaufen, “wir wollen sie nicht noch einmal verlieren – sie waren schon mal auf sich alleine gestellt”.

Die Kinder haben tagsüber nicht viel zu tun. Die meisten gehen zur Schule, gut zehn müssen im Heim bleiben, weil sie psychisch nicht für die Schule geeignet sind. Sie bekommen im Heim Unterricht, oder gar keinen. In den Pausen wird Basketball gespielt oder auf den lila-grünen Klettergerüsten getobt. Viele der Kinder sind erstaunlich reif und stark, eines spricht aber zum Beispiel gar nicht. Trotzdem haben die meisten scheinbar keine Kontrolle über ihre Kraft. Wenn sie uns umarmen oder hinter sich herziehen müssen wir aufpassen, dass sie uns nicht verletzen – am liebsten klammern sie sich an unseren Rücken, wie kleine Affen.

Phänomen Kamera

Die ersten paar Stunden kommen wir nicht zur Arbeit. Die Kinder finden uns merkwürdig, besonders an den blonden und braunen Haare wird gerne angefasst und gezogen :D Sie spielen mit uns Basketball und klettern auf uns herum. Liz, Paloma (UK) und ich werden die ganze Zeit wegen unseren Kameras belagert. Die Kinder wollen, dass wir Fotos von ihnen machen, und sie dann auch sehen, sie wollen selber fotografieren. Der Knopf, der Auslöser, das Klicken und leise Schnarren des Zooms – das alles finden sie unglaublich faszinierend. Als wir unsere Kameras wegbringen wollen, löst das Protest aus, und wenn wir sie den Kindern nicht geben, umso mehr. Die kleinen schmutzigen Finger umklammern die Geräte und lassen nicht los.

Wir fangen an, die Mauer zu schmirgeln. Die Arbeit  geht nur mühsam voran, aber es geht. Die Kinder wollen uns helfen, und schmirgeln mit. Sobald ein Teil der Mauer abgewetzt ist, wird er weiß angestrichen. Die Farbe tropft auf den Boden und unsere Hosen, aber das macht nix – schließlich haben wir Arbeitskleidung mitgebracht.

Als ich meinen Pinsel auswasche, schreibt mir ein Junge 爱 auf den Boden, und ich schreibe ihm die englische Übersetzung daneben: Love. Liebe. Der Kleine lacht mich mit seinen vielen Zahnlücken an und drückt mich: “Tje Tje”. Dann rennt er wieder los und ich muss grinsen. Wieder wurde ich “Große Schwester” genannt. Für die Kinder sind wir “Freunde”, “Schwestern”, “Brüder”, “Tanten”, “Onkel” und “Omas” – “Mama” und “Papa” gibt es aber nicht.

Ungewisse Zukunft

Ich frage mich, was das Heim wohl mit den Kindern macht, wenn sie groß sind, wenn sie eigentlich selber arbeiten und leben können sollten. Manche der Kinder sind mit fünfzehn, sechzehn Jahren innerlich noch fünf – sie reden nicht, gehen nicht zur Schule und sind völlig in sich gekehrt. Das Heim sagt zwar, dass sie versuchen, die Kinder bei Fabriken vorzustellen, wenn sie alt genug sind, damit sie eine Karriere aufbauen können, und dass “Gott uns dabei helfen wird” – aber ich kann nicht so recht daran glauben. Die Kinder haben hier ein neues Zuhause gefunden, nach wer-weiß-wie-langer Zeit auf der Straße. Sie haben gelernt, zu überleben, und hier, was es heißt, geliebt zu sein. Aber das wird ihnen nicht für’s Leben reichen. Ihre Bildung ist kläglich, wenn überhaupt vorhanden. Sie lernen ein bisschen Englisch, das war’s. Ich kann nur hoffen, dass diese Kinder es schaffen, zu einem normalen Leben zu finden – den ersten Schritt hat das Heim definitiv schon getan.

Als wir abends mit Weiß in den Haaren und Blasen an den Händen zurück ins Hotel kommen, und leider erkennen mussten, dass es immer noch kein warmes Wasser gibt,wird erstmal eine Runde Gemeinschaftsmassagen verteilt – dann geht es sehr früh ins Bett. Wir sind alle ziemlich k.o. von diesem ersten Tag, und die ersten Eindrücke sind einfach zu zahlreich, als dass man sie zusammenfassen könnte.

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