My Life at Li Po Chun United World College of Hong Kong 2011-2013

Kulturschock

Auf der Fahrt ins Hotel eröffnet sich uns, wenn auch im Dunkeln, eine neue Welt: China. Der Kleinbus, in dem wir uns zu elft auf sieben Sitze gezwängt haben, hat keine Gurte für die Mitfahrer und wackelt ziemlich. Keiner beschwert sich, alle hängen an den Fenstern und starren nach draußen, von dem Anblick teilweise fasziniert und teilweise schockiert.

Die Straße ist überfüllt. Überall düsen kleine Motorräder und Mofas herum; auf jedem sitzen mindestens zwei, meistens drei und selten vier Menschen ohne Helm – oft die ganze Familie, mit den Eltern, Oma oder Opa und einem kleinen Kind. Lastwagen sind überladen und brettern, mit riesigen Plastiksäcken bepackt, die Straßen entlang. Überall wird gehupt, jeder versucht, auf sich aufmerksam zu machen – würde man hier, wie in Hongkong, auch noch auf der “falschen Seite” fahren, wäre für uns Europäer das Chaos perfekt. An Tunneln und Brücken stehen in weißen Buchstaben “Propagandasprüche”, wie mir eine Mitschülerin aus Hongkong erklärt – “Seid eine starke Gemeinschaft!” und “Für Familie und Staat” übersetzt sie mir.

Am meisten erstaunt uns alle aber, wie hier die meisten zu leben scheinen. Gebannt sehen wir aus den Fenstern und niemand sagt ein Wort. Nur das Brummen des Kleinbusses ist zu hören, als unvorstellbare Armut an uns vorüber zieht. Die Menschen leben teilweise in “Siedlungshäusern” mit sieben Stockwerken, aber viele leben offensichtlich in barackenähnlichen Unterkünften und Garagen. Kleine Hütten stehen zur Straße hin offen – ich erkenne kleine Betten, einen Tisch und ein paar Plastikhocker. Kitschige Lichterketten und herunterbrennende Glühbirnen sorgen für schwachen Lichtschein in den Behausungen. Die Familien sitzen oft davor und sehen den Autos zu, die keine zwei Meter vor ihrer “Tür” vorbei sausen. Kinder sitzen vor Lagerfeuern auf dem Gehweg im Dreck, oder rennen in den Garagen herum. Alles ist laut und verdreckt; die Armut bringt alle in unserem Bus zum Schweigen. So etwas hat keiner von uns erwartet.

Auf halbem Weg hält unser Bus plötzlich. Wir schauen nach vorne und erwarten einen Unfall, oder einen Stau. Wir sehen nichts dergleichen; stattdessen treibt ein alter Mann mit spitzem Strohhut seine Kuhherde die Straße entlang. Unser Bus reiht sich in die Schlange ein, die um die Herde herumfährt, dann nimmt er wieder Fahrt auf. Irgendwo hinter uns brennt am Wegesrand ein Baum, aber keiner scheint ihn zu beachten.

Nach gut anderthalb Stunden kommen wir im Hotel an. Als wir vor dem heruntergekommenen Bau ankommen, an dessen Fassade neonfarbene Lichter blinken, hören wir Feuerwerk. Weit hinter den Feldern neben dem Hotel explodieren Feuerwerkskörper in der kalten Luft und werfen rote und gelbe Funken in den Nachthimmel. Die Scherze über “unsere Begrüßung” gehen schnell unter, wir sind einfach alle zu müde. Beta holt die Schlüssel und wir können endlich zu unseren Zimmern und unser Gepäck absetzen.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: