My Life at Li Po Chun United World College of Hong Kong 2011-2013

Kurz vor sieben ist der Gemeinschaftsraum im A-Block gefüllt. Die Schüler haben sich auch Polstern, Stühlen, Sofas und dem Fußboden breitgemacht und warten auf Silvain Gilbert. Mitte siebzig, ursprünglich aus Antwerpen, ist er nun schon zum dritten Mal am LPC und erzählt von seiner Kindheit während des Holocaust – versteckt in einem kleinen Dorf in Belgien, als jüdisches Kind gezwungen, sich Französisch und Katholizismus anzueignen – und weit weg von seinen Eltern. Inzwischen lebt er in Hongkong und LPC ist der Ort, an dem er zum ersten Mal offen darüber gesprochen hat, was er erlebt hat – über sein “Trauma”, wie er selbst die ganze Zeit zusammenfasst.

Da sitzen wir also versammelt – fünf Deutsche, zwei Israelis, meine jüdische Mentorin Hayley aus Südafrika mit ihrem kleinen Sohn auf dem Arm, und noch gut 30 weitere Nationen und Religionen – und warten auf Silvain Gilbert. Er ist pünktlich und sobald er den Raum betritt ist alles ruhig. Erst als ein paar Leute anfangen, vorsichtig zu klatschen, donnert ihm Applaus entgegen. Es braucht eine Weile, bis er es sich bequem gemacht hat, aber dann legt er sofort los:

Ich bin hier, weil ich eine Botschaft für euch habe. Eine Botschaft von Toleranz. Es freut mich, euch hier alle so versammelt zu sehen. Denn das zeigt doch, wie gleich wir sind. Seht euch an, ihr habt alle unterschiedliche Herkunft, unterschiedliche Religion und unterschiedliche Hautfarbe: aber ihr seid alle hier, und wollte mir zuhören. Ihr seid alle hier und lebt und lernt gemeinsam. Denn am Ende habt ihr alle, egal woher ihr kommt, den gleichen Wunsch: Liebe finden. Eine Familie gründen. Kinder aufziehen. Und ein gutes Leben haben. Es gibt keinen Menschen auf der Welt, der das nicht will. Und deswegen ist es das Recht für alle Menschen, das auszuleben – wo und mit wem sie wollen.”

Der Raum ist still, als Silvain Gilbert von seiner Familie und dem Beginn des Krieges erzählt:

Da gab es einen Mann – einen verrückten Mann. Sie nannten ihn Hitler. Und er schaffte es, dass ihm Millionen folgten. Und alle waren sie gegen die Juden. — Die Deutschen kamen also nach Belgien und plötzlich hieß es, Juden raus! Könnt ihr euch das vorstellen? Meine Nachbarn waren Protestanten oder Katholiken, je nachdem in welchem Haus sie geboren worden sind. Aber ich war jüdisch, weil ich nicht eine Hausnummer weiter, sondern eben genau dort, bei meinen Eltern geboren wurde. Ich war fünf Jahre alt. Und mir wurde die Todesstrafe auferlegt. Könnt ihr euch das vorstellen? Ein fünfjähriges Kind weiß nicht, was es heißt, jüdisch zu sein; mein Leben hatte gerade erst begonnen, was hätte ich über den Tod wissen sollen? Und ich war doch unschuldig! Alle Kinder sind unschuldig. Und nun beschlossen meine Eltern, sich von mir und meiner fünf Jahre älteren Schwester zu trennen. Meine Welt brach zusammen. Ich war immer ein guter, lieber Junge gewesen. Wofür wurde ich bestraft? Warum sollte ich Mutti und Vati verlassen? Ich verstand gar nichts mehr.”

Er erzählt, wie seine Familie Razzien mehr oder weniger zufällig überstanden hatten, weil sie bei Verwandten auf dem Land gewesen waren; wie sie den Brief von ihrem eigenen Bürgermeister bekamen, der ihnen mitteilte, dass sie nach Osteuropa ziehen müssten. Alles änderte sich. “Eine jüdische Frau durfte nicht mehr in öffentlichen Krankenhäusern gebären. Man verweigerte ihr die Hilfe. Wir mussten den Davidsstern tragen, natürlich. In unserem Ausweis stand es groß: JUDE. Und wir wurden gehasst.”

Silvain Gilberts Vater war in einem Arbeitslager in der Nähe von Boulogne. Er hatte in Antwerpen mit Diamanten gehandelt und einer seiner flämischen Geschäftspartner nahm Silvaine und seine Schwester bei sich auf. Die Mutter entkam in der Zeit einer Razzia in letzter Sekunde durch den Garten und beschloss daraufhin, ihre Kinder fortzugeben.

“Schon nach sehr sehr kurzer Zeit gab es jüdische Organisationen, die Kindern halfen. Sie versteckten sie, brachten ihnen Essen etc. 99% der belgischen Bevölkerung waren katholisch und 4000 Kinder konnten durch die Organisationen gerettet werden, indem sie bei “Gastfamilien” unterkamen. So ging es auch mir und meiner Schwester. Eines Tages war da dieser Fremde. Ich weiß nicht, warum – ich glaube, das kann niemand nachvollziehen – aber meine Schwester und ich gaben ihm die Hand. Wir sind mit ihm gegangen. Es war sehr schwer für mich.”

Silvain und seine Schwester haben Glück. Sie fallen nicht auf, und schaffen es bis nach Mont St Guibert – ein kleines Dorf mit etwa 1200 Einwohnern, wo eine alleinlebende 65-jährige Frau lebt und sie versteckt. Sie war nie verheiratet, hat keine Kinder und begibt sich selbst in Lebensgefahr, aber sie kümmert sich ab 1942 bis zum Ende des Krieges um die Geschwister wie eine Mutter, und nimmt später noch zwei andere Mädchen im Alter von etwa acht Jahren bei sich auf. “Sie war eine Heldin“, sagt Silvain Gilbert, und lächelt. “Sie hat alles mit uns geteilt. Sie hatte einen kleinen Garten und hat begonnen, Gemüse anzupflanzen, damit wir mehr zu essen haben. Wir haben alles geteilt. Denkt immer daran: was immer ihr habt, teilt es mit jemandem. In der jüdischen Gemeinschaft ist es sehr wichtig, alles zu teilen.”

“Was interessant ist, dass man diese Menschen nicht wirklich nach ihrer Motivation fragen kann. Sie wollten einfach nicht zusehen, wie unschuldige Kinder ermordet werden. Sie haben spontan reagiert. Als diese alte Frau, wir nannten sie Tante Fanny, von dem Rettungsprogramm hörte, meldete sie sich sofort als Freiwillige. Sie hat nicht nachgedacht.” Diese Heldin, seine Heldin, ist überzeugte Katholikin. Im September 1942 kommen die beiden Kinder an. Getrennt von ihren Eltern, müssen sie ein neues Leben anfangen.

“Ich sprach bis dahin nur Deutsch – Flämisch – und Jiddisch, nun musste ich Französisch mit wallonischem Dialekt können. Wir beteten vor jeder Mahlzeit und bevor wir zu Bett gingen – ich fand das alles sehr merkwürdig, aber Tante Fanny war nun mal sehr überzeugt und wir mussten eben mitmachen. Ich ging also zur Kirche und schaute mich die anderen Kinder an. Ich beobachtete und lernte. Später war ich sogar ein Altarjunge und half dem Priester bei der Messe.” Die neue Religion fällt Silvain am Anfang sehr schwer. Er ist schlichte Synagogen gewöhnt; die Kirchen, in denen Jesus blutend an einem Kreuz hängt, erschrecken ihn. Aber er lernt, und verwandelt sich langsam in einen kleinen Katholiken. Bis heute kennt er die Gebete und Riten, die er damals in dem kleinen Dorf gelernt hat, obwohl er sich längst wieder zum Judentum zählt.

Irgendwann kamen die Deutschen in unser Haus. Sie besetzen einen Teil der Villa und hielten es als Stützpunkt. Ich lebte Seite an Seite mit meinen Feinden, ich verstand was sie sagten – aber ich durfte mir das nicht anmerken lassen. Ich war fünf Jahre alt, ich habe diese Männer an ihre eigenen Kinder zu Hause erinnert. Ich war ein süßer kleiner Junge, sie brachten mir Süßigkeiten und Bonbons – es war für mich schwer, zu akzeptieren, dass das meine Feinde sein sollten. Aber mir wurde klar gemacht, dass mich diese Männer sofort in den Tod schicken würden, wenn sie etwas bemerken würden. Und also sagte ich kein Wort.”

Auch seinen Namen muss er ändern, aus “Silber”, einem uraltem, typisch jüdischem Namen, wird “Gilbert” – und so heißt er bis heute. “Ich bin immer noch traumatisiert”, sagt er, “so eine Zeit vergiss man nicht.” Besonders das Ende des Krieges bedeutete wieder eine schwere Entscheidung. Seine Mutter kam, um ihn zu holen – “aber ich kannte sie nicht mehr.” Silvain Gilbert war kein jüdisches Kind mehr, er war katholisch. Er sprach kein Flämisch, kein Jiddisch, nur noch Französisch. Und er kannte seine leibliche Mutter nicht mehr, denn Tante Fanny war seine neue Mutter geworden. “Ich musste mich entscheiden: wen will ich als Mutter haben?” Er ging mit seiner Mutter mit, traf seinen Vater wieder und wurde bald wieder zu einem jüdischen Kind. Seine Eltern, seine Schwester und er hatten überlebt – Onkel, Tanten und Großeltern sah er nie wieder. Sie alle starben in den Konzentrationslagern. Er hatte Glück.

Es vergingen viel  Jahre, bis er sich wieder nach Mont St Guibert traute. Später setzte er sich für Gedenksteine für Tante Fanny ein – sie stehen vor ihrem Haus und auch in Israel. Er erzählt in Schulen von dem, was er erlebt hat. Und er hat immer dieselbe Botschaft: “You are all different. But you are all beautiful.”

Michael und ich sind nach dem “Talk” zu Silvain Gilbert gegangen und haben ihm gesagt, wie gut wir finden, dass er uns Schülern von dieser schrecklichen Zeit erzählt. Wir erklärten ihm auch, dass wir Deutsche seien. Er lächelte uns an, und meinte: “Euch trifft keine Schuld. Aber ihr dürft es nie vergessen. Niemand darf das je vergessen.”

Es war nicht mein erster “Holocaust Talk” – aber ziemlich sicher der eindrucksvollste, den ich bis jetzt gehört habe. Wenn man Seite an Seite mit israelischen und jüdischen Schülern sitzt, die man aus seinem Alltag kennt, mit denen man lacht und Spaß hat, und sich diese Erzählungen anhört, dann schämt man sich einfach nur für sein Land. Egal, ob man selbst beteiligt war, oder nicht. Die Augen, die auf einem ruhen, wenn das Wort “die Deutschen” fällt, sind eine große Last – aber schließlich bin ich hier, um zu zeigen: wir Deutschen sind nicht so. Und auch wir wollen, dass so etwas nie wieder passiert.

Der Abend hat viele sehr beeindruckt. Manche meiner Mitschüler kennen das Thema Holocaust zwar aus dem Unterricht und aus Büchern, sind aber bei weitem nicht so sehr damit in Berührung gekommen, wie ich als Deutsche. Viele hatten danach Tränen in den Augen und redeten darüber, dass sie das ja alles gar nicht gewusst hatten. Manche sind zu mir gekommen und haben mich noch etwas gefragt – meistens darüber, inwiefern man in Deutschland mit dem Holocaust umgeht. Aber Silvain Gilbert hat uns allen sicherlich Stoff zum Nachdenken gegeben. Seine Botschaft ist angekommen.

Folgendes Video von ihm habe ich bei Youtube gefunden:

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Comments on: "“Sie war eine Heldin.” – Silvain Gilbert" (2)

  1. Herman Nowak said:

    Et bien, ton travail de mémoire , tu le fait très bien , bravo ! Herman.

    • hongkongcitygirl said:

      Merci, merci! La présentation de Monsieur Gilbert était très bien – et je dirais, qu’on n’oublie pas facilement une telle histoire de vie …

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