My Life at Li Po Chun United World College of Hong Kong 2011-2013

Leben im Käfig

Nach meinem kleinen Mittagssnack geht es weiter zum Bird’s Garden. Das ist ein kleiner aber sehr schöner Park, in dem vor allem ältere Einheimische ihre Vögel in Käfigen “ausführen”, damit die Tierchen frische Luft bekommen. Andere verkaufen Vögel, Käfige und Futter.

Viele alte Männer, mit schütterem grauen Haar und Fältchen überall im Gesicht, sitzen auf Steinbänken unter großen Bäumen und hören ihren Vögeln beim Zwitschern zu. Obwohl man so nah an den belebten Verkehrsstraßen ist, hört man die Autos kaum, und die Bäume verdecken mit ihren Ästen die Sicht auf die staubigen heruntergekommenen Hochhäuser.

Nur die Vögel singen. Die Verkäufer füttern ihre “Ware” tatsächlich, wie es im Reiseführer steht, mit lebendigen Heuschrecken – und die Leckerbissen werden mit Stäbchen durch die Gitter gereicht … mhm! :) Während ich so schaue und staune, stoße ich aus Versehen in eine Frau um die vierzig. Ich will mich gerade entschuldigen, als mir etwas mit ohrenbetäubender Lautstärke “Hello!” ins Ohr kreischt. Die Frau hat einen riesigen knall-blauen Papagei auf der Schulter! :D Ich entschuldige mich, und der Papagei wiederholt sich – ich sage auch Hallo!, und so geht das noch eine Weile weiter. Ich frage, ob ich ihn auch mal auf die Schulter nehmen darf, aber sie meint, er würde mich kratzen. Da lasse ich das lieber. Es gibt auch einen schönen weißen Kakadu, der auf einer Stange herumklettert, und natürlich allerlei Wellensittiche etc., die wild herum kreischen. Es ist ganz schön viel los!

Es ist schon viel Zeit vergangen. Ich gucke auf meine Karte, was es noch in der Nähe gibt. Ich finde nichts, und beschließe, einfach noch ein bisschen mit der MTR (U-Bahn) herumzufahren.

Mein Weg zurück zum Untergrundbahnhof führt wieder über die “Flower Market” – Straße. Zum ersten Mal bemerke ich kleine Gassen zwischen den Läden, in denen die Arbeiterinnen immer mal verschwinden. Ein Schild warnt vor Rattengift, Kisten und Plastiktüten hängen an den Hauswänden. Eine kleine Frau mit großem Strohhut schiebt einen Wagen mit Kartons über die Straße, stellt ihn am Straßenrand ab und geht in die Gasse. Die wird immer schmaler, und ich habe ein bisschen Angst, dass ihr Hut irgendwann den Weg versperrt. Macht er aber nicht. Die Frau guckt sich manchmal um, mustert mich und meine Kamera. Ich bleibe dann immer stehen, aber sie lächelt und macht keine Anstalten, mich zurück zu treiben.

Die Gasse ist nicht lang, und endet an einer noch kleineren “Quergasse”. Bollerwagen, Blumensträuße in Zeitungspapier, Spanplatten und alte Stühle stehen und liegen herum, Pflanzen hängen über den Mauern zu beiden Seiten der Gasse. Die kleine Frau verschwindet in einer Art Garage, da stehe ich nun und schaue mich um. Von den Garagen gibt es viele, und als ich an ihnen vorbei laufe, bemerke ich in den allermeisten kleine Küchen und Betten, manchmal noch ein Tisch und ein Stuhl. Kleine rot leuchtende Altäre sind aufgebaut, und es riecht ein bisschen nach Räucherstäbchen. Irgendwie habe ich das Gefühl, hier in etwas sehr Privates eingedrungen zu sein und das erkenne ich, dass diese Menschen, die draußen Blumen verkaufen, hier leben – in Garagen, die durch Rollläden oder Gitterstäbe verschlossen werden. Sie leben in Käfigen, wie die Vögel, die ich im Park gesehen habe. Das ganze erinnert mich ein bisschen an den Quan Cai “Cage Dwellers”, in dem sich LPCler genau um diese Menschen und besonders deren Kinder kümmern. Ich habe mich geärgert, dass ich für den Quan Cai keine Zeit habe, aber hier sehe ich es selber. Meine Reaktion ist wohl verständlich: ich bin schockiert. Ich mache von der Gasse unauffällig ein paar wenige Fotos, die Unterkünfte sind darauf nicht zu sehen. Dann gehe ich leise wieder zurück – und als hätte sie aufgepasst, folgt mir die Frau mit dem großen Strohhut wenige Augenblicke später zurück auf die belebte Straße.

In Gedanken immer noch bei den Wohnungen in den Garagen, mach ich mich auf den Weg zur MTR. Ich will nach Jordan, auch da soll es bunte Märkte geben. Rein geht es in die MTR-Station, und frei nach dem Prinzip “immer der Nase nach” suche ich nach dem Fahrscheinautomaten. Ich laufe weiter, immer weiter, eine Treppe hoch und zack! – stehe ich nach zehn Minuten wieder auf der Straße. Tja, das ging wohl schief. Ich leiste mir einen etwas überteuertenaber leckeren Muffin als Stärkung, dann versuche ich es noch mal – und steige eine Viertelstunde später tatsächlich in Jordan aus der Bahn. Geht doch! :)

Auch hier laufe ich eine Weile mehr oder weniger orientierungslos durch die Straßen und durchquere mehrere Märkte. Was mir besonders auffällt ist die Vielzahl von Ständen, die Ballkleider und schicke Anzüge für kleine Kinder verkauften. Da gibt es mehr Auswahl als in so manch einer Hochzeitsboutique!! :D Ich bleibe trotzdem nicht lange, weil ich langsam ein bisschen k.o. werde, und mache mich also auf den Weg nach Hause, zurück ins College.

Den Kopf voller Erinnerungen, Eindrücke und Gerüche komme ich nach einer langen Zugfahrt am späten Nachmittag wieder an. Ich gehe noch kurz einer Schlange auf dem Campus aus dem Weg, die sich schnell ins Gebüsch neben der Straße schlängelt; dann setze ich mich auf’s Bett und erzähle meinen Roomies von allem, was ich gesehen habe :)

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