My Life at Li Po Chun United World College of Hong Kong 2011-2013

Ein Leben in Angst

Nach den “Alumnitalks” konnten wir Schüler Workshops besuchen, die von Schülern geplant und durchgeführt wurden. Die Themen waren von globaler Größe, aber die Schüler brachten immer eigene Erfahrungen mit ein. In meinem ersten Workshop ging es um den Drogenkrieg in Lateinamerika, und Paula aus Mexiko und Savitri (wir nennen sie Savi) aus Kolumbien erzählten von dessen Ursprung, Auswirkung auf das öffentliche Leben und die Verbindungen der Drogenkartelle zur Regierung. Am meisten berichteten sie aber davon, wie sie selber betroffen waren.

“Manchmal entführen Drogenkartelle einfach so Zivilisten, um Geld zu erpressen”, erklärte Savi. “Die Verwandten bekommen dann Fotos von den Körpern der Opfer, auf denen dann große Zettel mit Nachrichten und Forderungen stehen. Oft werden diese Nachrichten auch in die Haut eingeritzt. Eine Cousine von mir wurde auch mal entführt – keine Sorge, ihr geht es inzwischen wieder gut – und die Entführer haben allen, außer ihr, regelmäßig einenFinger abgeschnitten, Nachrichten hinein “geschrieben” und nach Hause an die Familien geschickt. Wir wissen nicht, warum meine Cousine verschont blieb, aber so wird es jedenfalls gemacht.”

Paula erzählte, dass sie eine Freundin auf dem Land nicht mehr besuchen darf, weil die Gegend inzwischen von einem Drogenkartell eingenommen wurde. “Jeden Tag gibt es dort Schießereien, Morde und Gewalt. Es ist einfach nicht sicher; ich wüsste nie, ob ich bei meiner Freundin oder wieder zu Hause ankommen würde.”

Savitri kennt das auch: das Gefühl, nie sicher, und immer auf der Hut zu sein. Die Vorsicht, die Angst, das Misstrauen. Sie kann nach acht nicht mehr hinaus auf die Straßen, jedenfalls nicht alleine: “Wenn ich Pech habe, werde ich von Regierungshelfern aufgegriffen, lande im Gefängnis oder werde erschossen. Einfach so, weil ich ja etwas aushecken könnte.” Das sei jedes Jahr das Schicksal von hunderten Obdachlosen, meint sie. “Du kannst niemandem mehr trauen. Wenn dich die Drogenkartelle verschonen, hast du immer noch Angst vor der Regierung.” Wenn sie Feiern geht, wartet ihr Vater draußen vor dem Club. Er hat Angst, seine Tochter zu verlieren. “Ich war mal in einem Club, als plötzlich eine Schießerei ausbrach. Da gab es zwei Drogendealer, die sich zufälligerweise getroffen haben. Sie mögen sich nicht, hassen sich, sind Rivalen – und los ging’s. Natürlich waren alle in Panik.”

Bis jetzt ist den beiden “nichts richtig Schlimmes” passiert. Aber sie kennen natürlich viele Geschichten von Freunden, aus ihrer Familie. Savitri erinnert sich: “Eine Freundin von meiner Freundin war mit ihrem Fahrschullehrer unterwegs. Sie standen im Stau und sie hat irgendeinen Fehler gemacht – was genau, weiß wieder keiner: entweder sie hat aus Versehen gehupt, oder ist zu nah an das Auto vor ihr dran gefahren. Jedenfalls stand sie dummerweise hinter dem Auto von einem Drogendealer. Der ist wütend geworden, ausgestiegen und hat den Fahrschullehrer erschossen. Einfach so. Mitten auf der Straße. Man ist nie sicher.”

Lösungen kennen Paula uns Savi nicht. Vor allem die Wirtschaft lebt insgeheim zu einem großen Teil vom Drogenhandel, teilweise ist die Regierung viel zu sehr in den Drogenkrieg verstrickt. Und natürlich kennen sie auch selber sowohl Opfer, als auch Drogensüchtige. “Wir leben seit vielen Jahren damit. Statistiken zufolge wird der Krieg noch mindestens 25 Jahre andauern, und das macht uns wütend und traurig zugleich. 25 Jahre sind lang, sehr lang – und wir können nur hoffen, dass es besser wird.

Denn Gewalt mit Gewalt zu beantworten, das kann nicht die Lösung sein.

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