My Life at Li Po Chun United World College of Hong Kong 2011-2013

Perlen, Briefe und Theater

Endlich im Camp angekommen, wurden wir von den Secondyears begrüßt. Sie spielten Gitarre, sangen und umarmten uns. Die meisten hatten Indianerbemalungen im Gesicht und Blumen im Haar – vermutlich, um uns noch mehr das Flair von Wildnis und Abenteuer zu vermitteln.

Die Jugendherberge war mitten in der Wildnis. Die weißen Häuser standen mitten im Wald, überall flogen riesige Insekten herum – Bienen, Libellen, große, bunte Schmetterlinge. Noch dazu hatten wir einen fantastischen Blick auf die Bucht, mit vernebelten Bergen dahinter. Eine Treppe, halb verborgen durch Farne und Büsche, führte hinab zu einem Platz, wo man Lagerfeuer machen konnte und das Zelt von einem der Betreuer stand.

In den Häusern inspizierten wir alle erstmal unsere Zimmer. Es gab Doppelstockbetten, vier in einem Raum, eng aneinander und an die Wände gedrückt. Die Matratzen waren steinhart, die Bezüge zwar gewaschen, aber steif und hässlich, teilweise zerrissen. Es gab für jeden eine dünne Decke, ein hartes Kopfkissen und zwei unglaublich kratzige Pferdedecken.

Die Klimaanlage war an, aber trotzdem war es in dem Zimmer total heiß. Ich bekam das letzte Bett, neben der Klimaanlage. Ich schaltete sie an, und ein lautes Brummen erfüllte den Raum. Dreck und Staub lag und hing in den Ecken, Spinnweben zierten die Decke. Wohnliche Zimmer sehen anders aus, aber uns wurde schon gesagt, dass dieses Camp uns nicht nur zusammenschweißen, sondern auch zeigen sollte, wie es ist, absolut ohne Luxus zu leben.


Wir legten unsere Rucksäcke einfach auf die Betten, und gingen wieder nach draußen. Unten auf dem großen Platz mit den Feuerstellen versammelten wir uns in einem großen Kreis. Eine Secondyear ging mit einem kleinen Korb herum und wir sollten uns alle eine Perle aussuchen. Es gab sie in fünf verschiedenen Farben: metallisch-gold, blau, grün, rot und orange. Ich nahm mir eine kleine goldene Perle, die aussah, wie eine Schneckenmuschel. Danach wurde uns erklärt, dass jede Farbe und somit jede Perle einem bestimmten Element zugeordnet werden kann, aus dem nach chinesischem Weltbild die Welt besteht. Würden all diese Elemente ausgeglichen auf der Welt existieren, würden wir harmonisch leben können, heißt es.

Rot steht für Feuer, blau steht für Wasser, orange für Erde, grün für Holz und gold für Metall. All diese Elemente sind in einem Kreislauf verbunden: Holz ernährt sich von Wasser; Holz bildet durch Feuer Asche, und diese wird zu Erde; die Erde birgt Metall; und in Metall kann man Wasser transportieren – in einer Schale oder einem Krug.

Jedes Element bekam einen Gruppenleiter, dem wir Firstyears uns anschließen sollten. Er begleitete uns durch ein paar Spiele und Aktivitäten. Zuerst setzten wir uns im Kreis, und sollten sagen, wer wir sind, woher wir kommen, und was einer unserer Träume und Wünsche für’s Leben ist. Auffällig war, dass alle Chinesen und auch ansonsten die meisten Asiaten sich dabei nur auf ihre Karriere bezogen: sie wollten an einer bestimmten Uni angenommen werden, eine bestimmte Punktzahl erreichen, oder einfach grundsätzlich eine gute Karriere hinlegen. Alle anderen nannten als Wünsche Kinder, eine glückliche Familie, Gesundheit oder einen Beruf, der ihnen Spaß macht.

Danach sollten wir einfach meditieren. Den Geräusch zuhören, die alle Menschen um uns herum von sich gaben. Den Geräuschen in der Natur – Grillen zirpten unglaublich laut in dem hohen Gras und Vögel zwitscherten. Am Ende sollten wir in uns selbst hinein hören.

Ein anderes “Spiel” war das Briefeschreiben. Da hatten wir schon beim 0/1st-Year-Meeting in Fronhausen gemacht. Allgemeine Themen waren: Wer bin ich? Wo bin ich? Warum bin ich hier? Wir hatten gut eine halbe Stunde Zeit um auf diese Fragen in einem Brief an unser zukünftiges Ich zu antworten. Danach steckten wir die Briefe in Umschläge und versiegelten diese. Am Ende des Schuljahres werden wir sie zurückbekommen und lesen können, um zu sehen, wie sehr wir uns allein in dem Jahr verändert haben.

Wir machten noch viel mehr: wir sollten in einem großen “Fischschwarm” herumlaufen und uns synchron mit dem Gruppenleiter bewegen. Wir drückten alle unsere Daumenabdrücke auf das UWC-Logo – dort, wo wir eben herkommen, oder wo wir gerade wollten.

Wir tanzten auch, und sangen – Lieder aus allem möglichen Sprachen, Nationen und Religionen. Unter diesem Link gibt es ein Video von meinem Secondyear Felix – das Lied besteht aus den Gesängen von vier unterschiedlichen Religionen: Buddhismus, Christentum, Islam und Judentum. Nach 18 Sekunden und 1:18 Minuten sieht man mich übrigens ein bisschen – erkennt man aber nur am T-Shirt =)

Später am Lagerfeuer grillten wir Fleischklößchen, Bananen und Marshmallows.

Der Höhepunkt des Abends war die Performance der Playback-Gruppe des LPC. Sie führten eine Mischung aus Improvisationstheater und Sketchen auf. Wir Firstyears sollten immer eine Situation, eine Geschichte oder ein Gefühl beschreiben, dass wir hier in LPC erlebt haben, und Playback versuchte, es künstlerisch darzustellen. Begleitet wurden sie von zwei anderen Secondyears, die diverse Musikinstrumente dazu spielten.

Der Abend war wunderschön und tat unglaublich gut. Man hatte endlich mal wieder Zeit, um einfach zu reflektieren, nachzudenken und zu entspannen. Die ganze Woche war schon sehr ereignisreich gewesen, und man hatte kaum Zeit, um inne zu halten. Die Playbackgruppe hat mich besonders beeindruckt und ich überlege, ob ich im zweiten Halbjahr da mitmache =)

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Comments on: "Perlen, Briefe und Theater" (3)

  1. Sag mal, wie schaffst du das eigentlich, mitten in der Wildnis hier Beiträge zu verfassen?
    Die Konstruktion der Doppelstockbetten erinnert mich irgendwie an Russland.

    Grüße
    Jens

    • hongkongcitygirl said:

      Naja, das war genau genommen am Donnerstag (da steht auch: 8. September ;) ). Ich schreibe meistens nachträglich, weil sämtliche Aktionen, über die ich berichte, so lange gehen, dass ich am entsprechenden Tag keine Zeit mehr hab, darüber zu schreiben :) Die Konstruktion der Doppelbetten war auch ziemlich klapprig :D

      • Hab ihr in den Betten auch jedes mal gespürt, wenn sich die Person über oder unter euch irgendwie bewegt hat?

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