My Life at Li Po Chun United World College of Hong Kong 2011-2013

New Home, Sweet Home

Bald saßen wir wieder im Flugzeug, aber diesmal war es eindeutig größer. So sehr unterscheidet sich der A380 gar nicht von der Boeing, mit der wir vorher geflogen sind – zumindest innerlich. Wir saßen im unteren Deck, fast ganz hinten, Reihe 79. Wie wir später erfahren haben, saß ein Co-Year aus dem Iran nur acht Reihen vor uns, aber das ist uns natürlich leider nicht aufgefallen. Hinter uns kamen noch einmal gut zehn Reihen, wir brauchten von ganz vorne, wo wir eingestiegen waren, eine ganze Weile bis nach hinten zu unseren Plätzen. Vor dem Einsteigen hatten wir noch schnell Kaugummi und Wasser gekauft, und gerade noch so den “Last Call!” erwischt, aber jetzt waren wir drin. Wir hatten drei Plätze für uns alleine, und wieder gab es Fernseher in den Sitzen. Wir flogen an der Skyline von Dubai vorbei, und dann wieder sehr lange über Wüste, und dann irgendwann sogar über Wasser. Tief unter uns zog ein Frachter lang, und ansonsten war weit und breit nur sattes Blau zu sehen. Diesmal gab es nicht nur “Mittag”essen, sondern später auch einen Snack, und gut jede Stunde kam eine Stewardess und reichte uns auf einem Tablett Wasser und Orangensaft. Michael und ich wurden immer aufgeregter.


Die Zeit vertrieben wir uns damit, an der Toilette anzustehen, aus dem Fenster zu sehen oder die Filme zu gucken, die angeboten wurden – darunter sogar aktuelle Kinofilme, wie z.B. Super 8, und Prom. Die Stunden vergingen irre langsam. Als ich gerade in dem winzigen Flugzeug-WC meine Zähne putzte, geriet das Flugzeug in kleine Turbulenzen. Draußen vor der Toilettentür kniete ein schwarzer Mann in langem Gewand auf einem kleinen Teppich und betete. Irgendwann ging die Sonne unter, und das sah noch schöner aus, als der Sonnenaufgang über Dubai – dann wurde es draußen schwarz. Vorher war das Flugzeug aber schon wesentlicher dunkler gewesen, weil die Passagiere alle Fenster verdunkelt hatten – das Sonnenlicht, das ansonsten herein geprallt hätte, wäre bald unerträglich geworden.


Irgendwann, der Pilot hatte schon die Landung angekündigt, blinkten unter uns tausend Lichter auf. Hell erleuchtete Straßen schlängelten sich wie gelbe Würmer durch das Meer aus Punkten. Allerdings wurde es bald wieder kurz dunkel, und dann konnten wir schon die Landebahn erkennen. Jetzt waren wir richtig richtig aufgeregt. Das Blut schoss uns in den Kopf, wir rissen die Augen auf und – ruckel ruckel – waren wir unten. In Hongkong. Gelandet. Angekommen. Es war geschafft. Wir jubelten leise und schüttelten uns gut fünf Minuten die Hände, wobei wir sie uns eher abrissen vor Freude. Wir strahlten zu zweit über beide Ohren und waren plötzlich so so glücklich – es war Adrenalin pur, kann ich nur sagen. Wir verließen das Flugzeug (was uns schon mal viel zu lange dauerte, weil natürlich alle 78 Reihen vor uns und das gesamte obere Deck zuerst raus durfte), und folgten der Masse durch den Flughafen. Alle anderen quetschten sich mit uns in eine kleine U-Bahn und fuhren zur Gepäckausgabe und zum Immigration Counter. Der Mann hinter dem Schalter bestempelte unsere Pässe als “Schüler” – darauf hatten wir ihn noch einmal extra aufmerksam gemacht, weil wir mit einem “Besucher”-Stempel keine Hongkong-ID-Karte bekommen würden. Um seine rechte Hand trug er einen schwarzen Handschuh, vermutlich, damit er sich beim ganzen Stempeln und Schreiben nicht die Hände schmutzig machte. Er wünschte uns viel Erfolg, dann waren wir durch, und mussten nur noch unser Gepäck abholen. Da wir mit zu den Letzten aus dem Flugzeug gehörten, war das Band nicht so belagert, wie ich es erwartete hatte, und schon bald erkannte ich meinen Tigerentenkoffer, und auch meinen Rucksack mit Kaschmir drin. Michael musste ein bisschen länger warten, aber dann hatten wir alles zusammen, und gingen zielstrebig auf den Ausgang zu.


Wir mussten nicht lange suchen, da erkannten wir unsere Secondyear Felicia, die uns aufgeregt rufend und lachend zuwinkte, und mit einem grünen Schild rumfuchtelte, auf dem “Li Po Chun United World College” stand. Wir gesellten uns zu ihr, nur Michael musste noch schnell Geld wechseln. Wir stellten fest, dass Felica und ich fast dasselbe anhatten: blaue Hose, graues T-Shirt, weiße Bluse, Kette und Zöpfe. Wir sahen uns wirklich extrem ähnlich!! Paul, der andere Secondyear aus Ghana, der uns auch mit abholen sollte, brachte dann später auch unsere Coyears von den Philippinen, Maldiven und aus dem Iran mit. Nun warteten wir nur noch auf zwei Mädchen aus Ghana und Nigeria. Felicia und Paul waren erstaunt, dass es doch noch so viele geworden waren, die sie hatten abholen müssen – sie hatten mit vier, und nicht mit sieben gerechnet, aber alle anderen waren plötzlich einfach auch aufgetaucht. Wir gingen langsam los, und mussten uns dann am Ende doch beeilen, weil Felicia einfiel, das der Bus ja in einer Minute losfahren würde. Sie hielt den Busfahrer noch auf, und wir konnten einsteigen. Das Gepäck ließen wir unten (nur meine Geige nahm ich mit) und dann kletterten wir in die zweite Etage, setzten uns ganz nach hinten, und stellten uns erst einmal alle vor. Der Bus ruckelte und schwankte so sehr, dass ich keine Fotos machen konnte, aber der Anblick der Stadt, als wir durch sie hindurch fuhren, war atemberaubend. Nicht nur, dass alles um ein Vielfaches größer war, als alles, was ich je gesehen hab, alles blinkte, funkelte und strahlte. Wir fuhren über eine Brücke, und wurden von riesigen Wohnhäusern mit 40, 50 Stockwerken verschluckt. Michael schlief zwischendurch  auf meiner Schulter ein, was alle anderen sehr lustig fanden.

Gute eine Stunde fuhren wir staunend durch Hongkong, dann hielt der Bus das erste Mal und wir stiegen aus. Felicia und Paul hielten ein Taxi nach dem anderen an, und wir fuhren in Dreiergruppen oder zu zweit mit dem Taxi ans College. Bei dem Taxi von Michael, Paul und mir passten die Koffer nicht ganz in den kleinen Kofferraum, und so ließ der Fahrer die Klappe einfach offen, und band notdürftig ein Seil um die Koffer. Dann fuhr er los, nicht allzu schnell, aber doch recht holprig. Ein bisschen Angst, dass die Koffer rausfallen, hatte ich allemal. Aber kurze Zeit später waren wir auch schon da.


Der Taxifahrer fuhr auf den Campus, und eine Schar von Secondyears in allen möglichen Hautfarben rannte zum Taxi, tanzte, sprang herum, johlte, winkte und lachte. Wir wurden förmlich aus dem Auto gezerrt, und Felix, unser Secondyear nahm uns erstmal gehörig in die Arme. Die Luft war unglaublich warm und stickig, es herrschten 32°C und sie alle hatten auf uns in der Hitze gewartet. Nassgeschwitzt standen sie jetzt vor uns, schüttelten uns die Hände und wir alle strahlen und grinsten um die Wette. Es war einfach wunderbar, und wir fühlten uns alle sofort wie zu Hause. Wir mussten einchecken, unsere Namen in eine Liste schreiben, und wurden dann (unser Koffer waren schon weg) zu einer Lehrerin, Michèle, gebracht. Bei ihr durften wir uns auf’s Sofa setzen, verschnaufen und sie guckte, wer alles da war. Sie gab uns ihr Telefon und wir durften zu Hause anrufen. Ich rief Mama an, und erzählte ihr, dass alles okay sei. Ich glaube, sie hat sich sehr gefreut, von mir zu hören =D

Ich wurde von Lee aus Mexico, meiner Roomie (als Zimmernachbarin) abgeholt, und sie brachte mich in Block 3, Zimmer 307. Mavji, aus Tadschikistan, schlief schon, aber sie wurde von Lee geweckt, und nach einer kurzen Orientierungspause sprang sie mit strubbligen Haaren  aus dem Bett und umarmte mich. Nicht lange später  standen ganz viele andere mit im Raum, stellten sich  vor, lachten, umarmten mich und redeten alle  durcheinander. Immer mal wieder verstummten sie,  guckten erschrocken zur Tür, und atmeten dann auf.  Danach sprachen sie immer ein bisschen leiser,  offensichtlich hatten sie Angst, die anderen zu  wecken. Irgendwann gingen sie dann alle wieder,  und ich musste erstmal alle neuen Namen und  Gesichter verarbeiten. Bevor Mavji und Lee mir das  Bad zeigten (das eine Etage unter uns ist) sah ich mir  an, was alles auf meinem Tisch stand. Er war voll mit  kleinen Zettel von meinen deutschen Secondyears,  von meinem Buddy John aus Hongkong (der  sozusagen mein Pate hier ist) und meinen Roomies.  Viele chinesische Süßigkeiten, und zwei Schüsseln  mit Stäbchen (in der einen sind Nüsse und Kekse), eine schwarze LPC-UWC-Tasse und eine schöne Tasche von Felicia lagen dazwischen. Ich freute mich sehr =) Mein Zimmer ging dann geschlossen ins Bad und später packte ich nur noch mein Schlafzeug und Kaschmir aus, und schmiss mich sofort ins Bett.

Die Klimaanlage rauschte leise, und Mavji hatte einen Schluckauf, die Uhr zeigte etwa ein Uhr morgens an – Abendbrotzeit in Deutschland … Ich fühlte mich absolut Willkommen, einfach nur glücklich. New home, sweet new home – ja, ich hatte ein neues Zuhause. Plötzlich war ich total müde, die ganze Aufregung und der Flug waren sehr anstrengend gewesen. Ich machte die Augen zu. Noch nie konnte ich in einem neuen oder fremden Bett so gut schlafen wie hier.

Ich bin angekommen. Jetzt geht das Abenteuer so richtig los – und ich bin sehr gespannt!! =D



Advertisements

Comments on: "New Home, Sweet Home" (1)

  1. Liebe Lara, jetzt laufen mir wirklich die Tränen. Das klingt so unheimlich schön!
    Alles, alles Gute für deine nächsten Tage – schick uns ein paar Sonnenstrahlen =)

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: